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„Wir möchten jedes Jahr zwei Hamburger Jungs für die ProA ausbilden!“ - 18.08.2014

Neben  dem FC Bayern München, den RheinStars Köln um Neu-Gesellschafter Lukas Podolski und der ProA-Kooperation zwischen Nürnberg und Ehingen sind die Hamburg Towers das interessanteste Basketball-Projekt der diesjährigen Offseason. Mit Bazouma Kone, Janis Stielow und René Kindzka steckt jede Menge NBBL-Geschichte im Wildcard-Inhaber für die ProA. Und auch künftig setzen die Nordlichter auf den eigenen Nachwuchs.

 

Von Sven Labenz

Die Landkarte der deutschen Basketball-Standorte ist um einen prominenten Standort reicher. Mit der Freien und Hansestadt Hamburg schickt sich pünktlich zur Saison 2014/15 die zweitgrößte Stadt der Republik an, auf Korbjagd zu gehen. Zwischen Elbe und Alster, Michel und Kiez, Hafen und St. Pauli sind die Hamburg Towers dem Boden entwachsen - eine Wildcard für die ProA, die zweit höchste Spielklasse, macht es ohne sportlichen Erfolg kurzfristig möglich.

Unterbau für das ambitionierte Projekt um Geschäftsführer Pascal Roller, Sportdirektor Marvin Willoughby und Headcoch Hamed Attarbashi sind die Inselakademie Wilhelmsburg, die Piraten in der JBBL und NBBL sowie die tiefgreifenden Schulkooperationen des Vereins Sport ohne Grenzen.

In Hamburg hat man sich eine Geschichte zu erzählen

Wer genau hinsieht, erkennt hinter den Hamburg Towers ein langfristiges Projekt, das vor über sieben Jahren seinen Anfang nahm. Und nun mit all seinen Werten und Eckpfeilern fortgesetzt wird. Nicht mehr als Projekt, sondern als professionelle Sportmannschaft mit dem, was dazu gehört. Die Towers bilden dabei das allumfassende Dach. So banal es nach einer leeren Floskel klingt – am Anfang stand die Idee, mit Sport Gutes zu tun. Die Kids von der Straße zu holen, Perspektive zu schaffen, einer Vision zu folgen.

Wir schreiben das Jahr 2006, als das Karriereende des damaligen Nationalspielers Marvin Willoughby kurz bevor steht. Die Ausländerregelung ist ein widerkehrendes Thema, eine Quote für deutsche Akteure, wie wir sie heute kennen, nicht vorhanden. Die Nationalmannschaft dümpelt vor sich hin, eine ganze Generation junger deutscher Spieler kommt hinter viel zu gut bezahlten drittklassigen US-Boys zu kurz. Johannes Herber wird später in seinem Buch „Almost Heaven“ von den Poster-Boys einer verlorenen Generation sprechen. Und Recht behalten.

Südlich der Elbe fing alles an

 

Im Hamburger Problem-Bezirk Wilhelmsburg, einer Stadtinsel südlich des Zentrums, gründet Willoughby gemeinsam mit Jan Fischer den Verein Sport ohne Grenzen e.V. „Wir haben uns damals wie heute die Frage gestellt, wie wir den Basketball nachhaltig nach vorne bringen und gleichzeitig Werte vermitteln können“, erinnert sich Fischer, der heute zu den sechs Gesellschaftern der Towers zählt.

Gemeinsam mit dem SC Rist Wedel, einem der traditionsreichsten Basketball-Standorte des Nordens, organisierte das Team von Sport ohne Grenzen erste Camp-Maßnahmen. Durch den Sport konnten Barrieren überwunden werden. Fairness, Integration, Teamfähigkeit und die richtige Ernährung gehörten ebenso zum Konzept wie Dribblings durch die Beine und die korrekte Defense-Haltung auf Höhe der Korb-Korb-Linie. Die Schulbehörde der Stadt Hamburg wurde aufmerksam und in ihr fanden Fischer & Willoughby öffentliche Unterstützer. Streetball-Aktionstage, bei denen die Kids nicht nur selbst spielten, sondern auch das Catering oder die Turnierleitung übernahmen, waren der nächste Schritt der jungen Entwicklung.

Von Crossover bis „Weck mich auf“

Mit der Hamburger Rap-Größe Samy Deluxe initiierte Willoughby das Projekt „Crossover“, bei dem Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten Milieus durch Sport und Musik zusammen fanden. Von Killer-Crossover bis Freestyle-Rap war alles dabei – der Basketball war auf Hamburgs Straßen endlich angekommen und hatte seinen ganzen Style im Rucksack gleich mitgebracht.

„Von Beginn an hatten wir aber ein Problem, was so ziemlich jeder Verein in Deutschland kennt: Wir hatten keine Hallenzeiten“, so Jan Fischer weiter. 2009 kommt es dann zum nächsten wichtigen Schritt und der nächsten Perspektive für den Hamburger Nachwuchs. Das Piraten-Projekt wird für die Deutschen Jugend- und Nachwuchs-Basketball-Bundesligen in den Altersklassen U16 und U19 gegründet, zunächst startklar in der JBBL, später in der NBBL. Zum ersten Jahrgang der Nordlichter zählten damals u.a. die heutigen Junioren-Nationalspieler Ismet Akpinar und Janis Stielow. „Wir wollten keine Luftschlösser bauen und den Kids versprechen, dass sie mal Basketball-Profi werden können. Aber so haben wir ihnen eine Perspektive eröffnet, sich mit den besten Spielern ihres Jahrgangs bundesweit messen zu können“, erklärt Fischer. Wichtige Grundlage: Die Talente blieben den jeweiligen Heimatvereinen erhalten, die Piraten kooperierten mit sämtlichen Hamburger Clubs und enterten so die Jugend-Bundesligen. Auch dank neuer Hallenzeiten für den Leistungssport.

Mit Jochen Franzke stieß 2009 ein weiterer Gesellschafter der heutigen Hamburg Towers zum Duo Fischer / Willoughby. Der Hamburger Immobilien-Makler hatte zwar keine tiefen Einblicke in den Basketball, begeisterte sich aber für die nachhaltigen Sozialprojekte und das Engagement für den problembehafteten Stadtteil Wilhelmsburg, in dem es immer wieder zu kleinen Schlägereien und Ausschreitungen kam. Kurzerhand stellte Franzke Büroräume zur Verfügung, die durch den Verein Sport ohne Grenzen und das Piraten-Projekt genutzt werden konnten. In diesen Räumen wächst fortan immer mehr der Gedanke, professionellen Basketball in der Hansestadt zu etablieren. Zur richtigen Zeit kommt die Internationale Gartenschau auf die Elbinsel, der traumhaft schöne Inselpark entsteht – und mit ihm die Blumenhalle, die ab Oktober Heimspielstätte der Towers sein wird und nach entsprechenden Umbaumaßnahmen knapp 3.500 Zuschauer fasst. „Wir planen eine Dreifach-Nutzung in der Halle“, so Marvin Willoughby, der verspricht, von jedem Platz gute Sicht auf das Spielfeld zu haben. „Wir können hier drei Basketball-Spiele parallel durchführen, aber auch ein Bundesliga-Spiel mit TV-Kameras. Tagsüber können Vereine und Bürger die Halle nutzen. Im oberen Rang wird es sogar einen offenen Rundlauf mit Fitness-Geräten geben.“

NBBL-Talente im Towers-Kader

In den Hamburg Towers steckt nicht nur jede Menge „Moin Moin“, sondern auch eine gesunde Portion NBBL. Mit Hamed Attarbashi steht ein erfolgreicher Nachwuchs-Trainer an der Seitenlinie, der in Bremerhaven die Auszeichnung als „NBBL-Headcoach oft the Year“ erhielt. Mit Janis Stielow, René Kindzeka und Bazouma Kone stehen gleich drei ehemalige NBBL-Akteure aus dem Norden im ersten Kader der jungen Towers-Geschichte.

Schaut man auf die Geschichte des Hamburger Projekts, ist das nicht mehr, als die logische Konsequenz. Im ersten JBBL-Jahrgang der Piraten stand neben Albatros Ismet Akpinar auch Janis Stielow, der nach fünf Jahren nun als größtes Hamburger Talent im besten Hamburger Team steht. „Wir möchten jedes Jahr zwei Hamburger Jungs für die ProA ausbilden“, kommentiert Sportdirektor Marvin Willoughby und schafft so nach sieben Jahren harter Arbeit an der Basis eine echte Perspektive für den Nachwuchs des Nordens. 

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