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„Junge Schiris brauchen unsere Unterstützung, Begleitung und Betreuung“ - 13.07.2017

Interview mit dem neuen Schiedsrichterwart Udo Ehlert

 

Seit dem letzten Verbandstag hat der HVSH einen neuen Schiedsrichterwart: Udo Ehlert hat dieses Amt übernommen und ist nun für die Schiedsrichter in Schleswig-Holstein verantwortlich. Grund genug, um Udo Ehlert etwas genauer vorzustellen und mit ihm über den Stand der Dinge im Schiedsrichterwesen, Probleme und Pläne für die Zukunft zu sprechen.

 

Das nennt man eine Handball-Vita: Udo Ehlert wurde in Flensburg geboren, wo er im Alter von zehn Jahren beim IF Stjernen Flensborg mit dem Handballspielen begann. Nach einem Umzug ging es bei der SG Mittelangeln weiter, wo der heute 53-Jährige weitere 30 Jahre aktiv war und sich in dieser Zeit gelegentlich auch als Jugendtrainer engagierte. Nach drei weiteren Jahren bei der DGF Flensborg hat Udo Ehlert seine spielerische Karriere dann beendet. Seit 1982 ist der Soldat zudem ununterbrochen als Schiedsrichter auf HVSH-Ebene aktiv und wurde als Kampfrichter in den höchsten Bereichen sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League sowie bei Länderspielen eingesetzt. Darüber hinaus hat der verheiratete Vater von zwei Kindern schon viel Erfahrung als Funktionär und war im KHV Flensburg Schiedsrichterlehrwart sowie seit 2009 Schiedsrichterwart. Zudem war er im Bezirk Nord bis zur Auflösung 2007 Schiedsrichterwart und von 2007 bis 2013 Schiedsrichteransetzer für Senioren im Bereich des HVSH.

 

 

Hallo Herr Ehlert, wie kam es dazu, dass sie sich als Schiedsrichterwart zur Wahl gestellt haben?

 

Nachdem Dierk Petersen für das Amt des Präsidenten vorgeschlagen wurde und es darum ging, ein Team aufzustellen, kam er auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte für dieses Amt zu kandidieren. Nach guten, fruchtbaren Gesprächen, in denen wir letztendlich übereinstimmend unsere Ziele für die zukünftige Verbandsarbeit herausarbeiten konnten, entschied ich, mich dieser schweren Aufgabe zu stellen.

 

Wie beurteilen sie die Entwicklung im Schiedsrichterwesen in den letzten Jahren?

 

Die Lage ist sehr ernst. Die Zahlen der einsetzbaren Schiedsrichter sind auf allen Ebenen in Schleswig-Holstein rückläufig. Zwar gibt es gute Initiativen, die in den vergangenen Jahren immer wieder viele junge Menschen zum Schiedsrichter ausgebildet haben, allerdings erweist es sich als zunehmend schwerer, diese Menschen dauerhaft als Schiedsrichter an den Handballsport zu binden. Selbst Schiedsrichter, die bereits die Ebene des DHB erreicht haben, bilden hier keine Ausnahme.

 

Wo sehen sie die Hauptprobleme dafür?

 

Der Sport steht, sofern er nicht dazu beiträgt, den Lebensunterhalt zu finanzieren, in der heutigen Gesellschaft zunehmend in Konkurrenz zu Ausbildung und Familie. Es gibt verschiedene Übergänge zwischen Lebensabschnitten, wo der Mensch Entscheidungen treffen muss. Nach dem Abitur steht z.B. die Entscheidung über den Studienort an, die oft dazu führt, dass junge Schiedsrichter in einer Phase, die manchmal schon eine Förderung ist, nicht mehr bereit sind, diese zusätzliche Belastung zu tragen. Gleiches gilt, wenn eine Entscheidung hinsichtlich Familienplanung, Hausbau, etc. ansteht.

 

Ein weiteres Problem ist die Bereitschaft der Schiedsrichter, dem Druck durch oft unangemessene und intensiv vorgetragene Kritik zu begegnen. Man muss heute davon ausgehen, dass nahezu jedes Spiel, zumindest auf Landesebene, in irgendeiner Form durch Bildmaterial den Weg in die Sozialen Netzwerke findet und dort auch kommentiert und diskutiert wird. Das ist nicht jedermanns Sache. Aber auch der Umgang miteinander in der Sporthalle ist nicht immer unkritisch zu bewerten. Man darf hierbei nicht außer Acht lassen, dass die Schiedsrichter, selbst wenn sie im Gespann antreten, die einzigen am Spiel beteiligten Personen sind, die sich nicht in einer Gruppe befinden. Eine Gruppe, die mit ihren sozialen Funktionen auch helfen kann, die beschriebenen Probleme zu ertragen, fehlt dem Schiedsrichter, zumindest im Spiel und kurz danach.

 

Wie wollen sie diese Probleme angehen?

 

Wir müssen insbesondere bei den Vereinen ein grundsätzliches Verständnis dafür entwickeln, dass diese, sofern sie am Spielbetrieb teilnehmen wollen, neben der handballerischen Ausbildung auch immer die Schiedsrichterausbildung im Blick behalten müssen. Als Verband müssen wir hier unterstützen und ggf. koordinieren. Zur Zeit sind die Vereine und die Kreise für die Grundschulung der Schiedsrichter zuständig, da gibt es Kreise, wo das ganz hervorragend läuft, aber man darf nicht verhehlen, dass es auch Kreise gibt, in denen niemand ehrenamtlich für diese anspruchsvolle Aufgabe gewonnen werden kann und die Ausbildung somit nicht optimal verläuft, sofern sie überhaupt stattfindet. Genau hier müssen wir ansetzen und unsere Unterstützung anbieten.

 

Wie kann man junge Handballer dazu bringen, sich für eine Laufbahn als Schiedsrichter zu entscheiden?

 

Ich habe nicht das Gefühl, dass es ein wirkliches Problem ist, junge Menschen dafür zu begeistern, Schiedsrichter zu werden. Man muss sie oft nur ansprechen, aber da fehlt es bisweilen auch mal am Engagement der „alten Säcke“. Das „Dabeibleiben“ ist, wie eingangs erwähnt, das viel größere Problem.

 

Haben sie weitere Ideen, diesen wichtigen, aber oft undankbaren Job schmackhaft zu machen?

 

Ein Schlüssel liegt bereits in Ihrer Frage versteckt. Denn warum ist der Job des Schiedsrichters undankbar? Die fehlende Anerkennung ist ein grundlegender Faktor dieses Zustandes. Anerkennung kann natürlich finanzieller Natur sein. Das ist sicherlich auch wichtig und nicht zu verkennen, für die Zufriedenheit in der Funktion ist jedoch die ehrliche Anerkennung durch alle Beteiligten viel wichtiger. Nehmen sie z.B. mal ein Jugendspiel, wo in der Regel viele Eltern anwesend sind. Da finden sie doch keinen, der nach dem Spiel zu seinem Kind geht, um zu sagen, wie schlecht es gewesen ist. Nein, sie bekommen Anerkennung für die erbrachte Leistung, egal, ob dieses Spiel verloren oder gewonnen wurde. Anders ist es beim Schiedsrichter, für den es, egal wie die Leistung objektiv zu bewerten wäre, vielfach Kritik gibt.

 

Und wie sollte man dem begegnen?

 

Junge oder neu ausgebildete Schiedsrichter brauchen Unterstützung und Anerkennung direkt in der Sporthalle. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass ein flächendeckendes Coaching für diese Schiedsrichter erfolgen muss. Es reicht eben nicht, Schiedsrichter auszubilden, man muss sie auch begleiten und betreuen. Und hier kommen dann auch wieder die Vereine ins Spiel, denn der Verband hat bei Weitem nicht genügend Ressourcen, dies alleine zu gewährleisten. Insofern ist es notwendig, die Aufgaben der Ebene angemessen gerecht zu verteilen.

 

Was empfehlen sie Schiedsrichtern generell für ihre Aufgabe?

 

Neben der notwendigen Physis glaube ich, dass ein wichtiger Schlüssel die eigene Authentizität ist. Wenn ich mich natürlich gebe und von vornherein alle das Gefühl haben, auf Augenhöhe zu agieren, hilft das ungemein. Natürlich muss ich auch unangenehme Entscheidungen treffen, diese konsequent vertreten und somit auch die Autorität des Schiedsrichters in den Vordergrund rücken. Aber es fällt allen Beteiligten wesentlich leichter, dies zu akzeptieren, wenn ich authentisch wirke.
Ein weiterer Punkt ist, dass man mir als Schiedsrichter den Spaß an der Aufgabe anmerken sollte. Ein Lächeln kann auch im Sport manchmal viele Konflikte einfach beiseite räumen. Laufe ich jedoch 60 Minuten mit ernster, versteinerter Miene über das Spielfeld, bekomme ich sicherlich ganz schnell Probleme. Später spielen in einer Schiedsrichterkarriere sicher auch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle. Aber wenn man die Aufgabe des Schiedsrichters erkannt und die Herausforderungen angenommen hat, kommt das in der Regel schon von alleine. Ich denke da an Spiel Vor- und Nachbereitung, Weiterbildungsbereitschaft oder selbstkritische Verhaltensanalysen, um hier nur ein paar Dinge zu nennen.

 

Wie sollten Interessierte am besten vorgehen, um Schiedsrichter zu werden und ggf. in den Kadern aufzusteigen?

 

Oftmals genügt schon ein Blick auf die Webseiten der Verbände, um fündig zu werden. In der Regel stehen hier die Ausschreibungen der Lehrgänge langfristig bereit. Aber auch der Gang zum Vereinsschiedsrichterwart ist nie verkehrt. Er verfügt normalerweise über die nötige Erfahrung, hier weiterzuhelfen. Hat man dann den Entschluss gefasst, auch in höheren Ligen zum Einsatz zu kommen, sind natürlich Einsatz und kontinuierliche Weiterbildung die Schlüssel zum Erfolg.

 

Gelegentlich stimmt auch die Einschätzung der Beobachter nicht unbedingt mit der der Vereine, Trainer und Spieler überein. Würden sie sich da eine andere Gewichtung bzw. klarere Vorgaben zur Regelauslegung wünschen?

 

Nein, die Vorgaben und Auslegungen sind grundsätzlich gut geeignet und auch in Ihrer Art gut verständlich. Die Diskrepanz in der unterschiedlichen Wahrnehmung, die Sie hier ansprechen, beruht meines Erachtens auf anderen Gründen. Zum einen ist die Weiterbildungsmöglichkeit der Schiedsrichter in den unteren Ligen, und da zähle ich auch Spielklassen im Landesspielbetrieb dazu, bei weitem nicht geeignet, den Vereinen eine verlässliche Regelauslegung der verschiedenen Gespanne zu präsentieren. Das ist bedauerlich, lässt sich aber bei einer Lehrmaßnahme pro Jahr und Schiedsrichter nur schwer verbessern. Hier ist dann die Eigeninitiative der Schiedsrichter gefragt, sich, wie schon gesagt, weiterzuentwickeln.

 

Zum andren sind die verschiedenen Voraussetzungen, mit denen die Beteiligten in ein Spiel gehen, auch Grundlage für die Betrachtung der jeweiligen Spielszenen. Hier sind oft Kleinigkeiten entscheidend, eine eigentlich gute Leistung in ein vermeintlich weniger gutes Licht zu rücken. So ist das Thema Vorteilsgewährung und spätere Bestrafung immer wieder ein „Zankapfel“ während und nach dem Spiel. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Pfiff „gegen mich“ subjektiv zunächst erstmal als falsch empfunden wird und die Emotionen in Gang setzt, die sich nach außen in Unverständnis und Kritik entladen.

 

Haben sie Ideen, Vorschläge oder Wünsche für ‚übergeordnete Gremien‘ in Bezug auf das Schiedsrichterwesen?

 

Wenn Sie mit den übergeordneten Gremien den DHB ansprechen, kann ich noch keine belastbare Aussage treffen, da ich hier noch keinen tiefgreifenden Einblick gewinnen konnte. Mein Schiedsrichterlehrwart berichtet mir jedoch, dass im Lehrwesen ein gutes Netzwerk entstanden ist, welches in Ausbildungs- und Regelfragen vorbildlich zusammenarbeitet.

 

Was würden sie sich abschließend von den Spielern, Trainern und Vereinen im Umgang mit den Schiedsrichtern wünschen?

 

Ich wünsche mir von allen Beteiligten, explizit aber auch von einigen Schiedsrichterkollegen, manchmal etwas mehr Gelassenheit. Wir bewegen uns auf einer Ebene des Sports, wo der Spaß und das Hobby im Vordergrund stehen. Auch mit der zum Spiel gehörenden Rivalität im Handballsport dürfen wir unter keinen Umständen den notwendigen Respekt voreinander verlieren bzw. die gebotene gegenseitige Toleranz vernachlässigen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die anstehenden Aufgaben!

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